Ein Blick in die Kristallkugel – Wie hell wird der Komet ISON?

Komet Lovejoy am 22. Dezember 2011 über Santiago/Chile © ESO/Yuri BeletzkyWann werden wir wissen, oder besser vorhersagen können, wie hell der Komet ISON an unserem Himmel erscheinen wird? Die NASA und andere Experten rechnen damit, dass dies im August oder September der Fall sein wird. Heute geht man davon aus, dass ISONs Erscheinung zwar wohl nicht gerade unsere Schlafzimmer ‘ausleuchten’ wird und natürlich auch nicht den Vollmond ‘ganz blass’ aussehen lassen kann. Trotzdem besteht derzeit überhaupt kein Grund zur Trübsal. Der Komet ISON kann uns in der zweiten Jahreshälfte 2013 mit einem ganz wunderbaren Himmelsschauspiel begeistern.

Foto oben: Kann ISON mindestens so hell werden wie der Komet Lovejoy am 22. Dezember 2011 über Santiago/Chile? © ESO/Yuri Beletzky

Kometen verhalten sich meist völlig unberechenbar. Das gilt besonders für jene, die wir noch nie zuvor zu Gesicht bekommen haben. ISON macht da keine Ausnahme. Je näher er uns kommt, und je länger wir ihn beobachten, desto besser werden wir sein zukünftiges Verhalten einschätzen können. Alles, was die Experten heute schon vermuten, ist mit einer großen Unsicherheit behaftet. Trotzdem sind wir neugierig und machen uns natürlich alle Gedanken um ISONS Schicksal. Kann ISON zu einem der auffälligsten Kometen der jüngeren Menschheitsgeschichte werden?

Unter der Webadresse www.isoncampaign.org startet die NASA gerade eine intensive Beobachtungskampagne (CIOC) rund um den Kometen ISON, an der auch erfahrene Amateurastronomen mitwirken können (wir berichteten unter CIOC – Amateurastronomen können die ‘Comet ISON Observing Campaign’ der NASA unterstützen). Zusätzlich bereitet man eigene Experimente mit einem Stratosphären-Ballon vor (http://brrison.jhuapl.edu/). Die NASA wagt auch einen “Blick in die Kristallkugel” und beschreibt unter “As we gaze into our crystal ball… ” drei mögliche Szenarien für das Verhalten ISONs.

Szenario 1: Ein ‘episches Scheitern’ von ISON

Dieses Szenario ist mit Abstand das Schlimmste für die Beobachter auf der Erde. Es tritt ein, wenn der Komet bei seiner Annäherung an die Sonne einfach verpufft, sich also komplett auflöst und verdampft. Warum sollte oder könnte er das tun? Nun, bei ISON handelt es sich vermutlich um einen Kometen bei seinem ersten Besuch im inneren Sonnensystem. Er bringt jede Menge frisches Kometenmaterial und viele flüchtigen Gase mit sich. ISON war noch nie einer höheren Intensität der Sonnenstrahlung ausgesetzt und musste bisher noch keinen größeren gravitativen Einflüssen widerstehen. Wenn das stimmt, könnte dies erklären, warum ISON in Sonnenferne schon relativ aktiv war. Warum ist das eine schlechte Nachricht? Wie eine Glühbirne, die ein wenig zu hell strahlt, könnte der Komet sein Eis, Staub und die Gase mit einer Intensitätsrate freisetzen, die er nicht lange aufrecht erhalten kann. ISON könnte strukturell schnell instabiler werden oder einfach verdampfen. Wenn ISON verdampft, könnte dies zu einem späteren Zeitpunkt in diesem Jahr geschehen. Möglicherweise Monate, Wochen oder Tage vor seinem Perihel (dem Punkt größten Sonnennähe). Unter diesen Umständen wäre es eher unwahrscheinlich, dass seine maximale Helligkeit eine Beobachtung mit dem bloßem Auge erlauben würde.

Szenario 2: Der ‘brutzelnde Herumtreiber’ ISON

In diesem Szenario erleben wir einen schönen hellen Kometen, der in der Nähe der Sonne jedoch komplett zerbricht und verdampft. ISON würde von Oktober bis November immer heller werden bis er seinen sonnennächsten Punkt Ende November erreicht. Seine Helligkeit könnte negative Größenklassen erreichen, und ISON könnte heller als die Venus strahlen. Die Beobachter mit Teleskopen könnten ISON schön im frühen Oktober beobachten. Im November nähert er sich immer mehr der sonne an. er wird zwar heller, muss sich aber dann auch gehen das Tageslicht behaupten, da er der Sonne immer näher kommt. Mitte November wird der Komet für die Teleskope auf den NASA STEREO und ESA / NASA SOHO-Satelliten sichtbar. In den Stunden um seinen Periheldurchgang wird ISON dann besonders hell werden, muss aber der intensiven Sonneneinstrahlung und den zunehmenden Schwerkräften Tribut zollen. Unter dem Einfluss dieser Belastungen bricht der Komet schließlich auseinander und fängt an zu verdampfen. Vielleicht entsteht dabei eine große Gas- und Staubwolke, ohne einen erkennbaren Kern. Entfernt sich ISON wieder von der Sonne, dann wäre er nur noch als sichtlich diffuses Objekt am Nachthimmel erkennbar. Vielleicht wäre er noch mit dem bloßen Auge sichtbar, eher jedoch nur noch durch ein Teleskop. ISON würde schnell lichtschwächer werden und könnte schließlich, bis Anfang 2014, nur noch mit großen Teleskopen auffindbar sein.

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Szenario 3: “Jahrhundertkomet” – ISON schreibt Geschichte

Oder wird ISON etwa “Der Komet des Jahrhunderts”? Das sind große Worte, die bei den Menschen hohe Erwartungen wecken. Vielleicht auch zu hohe Erwartungen, daher sollte man mit solch einer Aussage auch sehr vorsichtig sein. Trotzdem besteht durchaus die Möglichkeit, dass ISON tatsächlich zu einem der spektakulärsten Kometen der jüngeren Geschichte werden kann. In diesem Szenario wird der Komet bis September stetig näher kommen und heller werden. Von Anfang bis Mitte Oktober könnte er zu einem auffälligen Objekt für das Fernglas oder auch die bloßen Augen werden. Bis Ende Oktober wird er allmählich vom Glanz der Sonne überstrahlt, bleibt aber weiterhin für erfahrene Beobachter in ihren Teleskopen sichtbar. Knapp eine Woche vor dem Perihel wird ISON vom Licht der Sonne wohl dann gänzlich überstrahlt und eine Beobachtung mit einem Teleskop oder Fernglas ist wegen der zunehmenden Sonnennähe eher nicht anzuraten. Wenige oder einen Tag vor dem Perihel hellt ISON um weitere Größenordnungen auf. Sein Staubschweif reflektiert das Licht der nahen Sonne bis zu einer Größenordnung von -8 oder -10mag. Heller als der Vollmond wird er dabei sicher nicht. Von Beobachtungen mit einem Teleskop oder Fernglas ist nun gänzlich abzuraten.

Man kann die Sichtung des Kometen aber versuchen, indem man die helle Sonne mit der eigenen Hand, oder z.B. durch ein Gebäude in direkter Sichtlinie, ganz abdeckt. Der helle Komet könnte so, in unmittelbarer Sonnennnähe, sichtbar werden. Direkt in die Sonne schauen darf man dabei jedoch nie! ISON könnte seine Sonnennähe unbeschadet überstehen. Wenn er sich dann wieder von der Sonne entfernt, also für uns auch wieder besser am Himmel zu sehen ist, könnte er immer noch eine Helligkeit von -3 bis -4 Größenklassen haben. Zu diesem Zeitpunkt könnte ISON über einen sehr langen und deutlich sichtbaren Staubschweif verfügen, der sich über einen Großteil des Himmels erstreckt. Beobachter auf der nördlichen Halbkugel und unter einem klaren Himmel sind dann eindeutig im Vorteil. So könnte ISON tatsächlich als ein neuer Großer Komet in die Geschichte eingehen. Bis ins Jahr 2014 hinein wäre er dann sogar noch ein lohnendes Beobachtungsobjekt, wenigstens für Fernglas- und Teleskopbesitzer.

Fazit

Diese drei möglichen Szenarien sind nur ausgewählte Beispiele einer ganzen Bandbreite von Möglichkeiten. ISONs tatsächliches Verhalten kann auch in einzelnen Facetten abweichen. Kometen sind notorisch unberechenbar, und ISON ist einer der am wenigsten vorhersehbaren Kometen der letzten Jahre. Aber unabhängig vom Ergebnis: Die Vorbereitung, Vorfreude und die neugierige Aufregung haben sich schon jetzt mehr als gelohnt! Die Erscheinung des Komet ISON rückt die Geschehnisse im Weltraum auch stärker in den Fokus der Öffentlichkeit. Das ist gut so. Wir bereichten weiter. – Bleiben Sie neugierig!

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